Der Wecker riss Lena aus einem Traum, den sie schon beim Aufwachen vergaß. Nur das Gefühl blieb – etwas zwischen Sehnsucht und Panik, zwischen Heimkehr und Flucht. Fünf Uhr dreißig. Draußen war es noch dunkel, aber am Horizont kündigte sich der Morgen an, ein zartes Rosa, das sich langsam über das Schwarz der Nacht legte. Sie zog alte Sachen an, die noch in ihrem Kinderzimmerschrank hingen – Jeans, die zu weit waren (wann hatte sie aufgehört zu essen?), ein Pullover, der nach Mottenkugeln roch. Die Frau im Spiegel war ihr fremd. Ohne Make-up, ohne die Panzerung ihres Hamburger Outfits, sah sie aus wie... wie sich selbst.
Das war verstörend. Finn wartete am Deich, zwei Paar Wathosen in der Hand. Er reichte ihr eins wortlos. Lena zog die Gummihose über ihre Jeans, umständlich, unbeholfen. Finn sah zu, sagte nichts, aber sie spürte sein Lächeln. „Was?" „Nichts. Du hast es nur vergessen, das ist alles." „Was habe ich vergessen?"
„Wie man Wathosen anzieht. Wie man sich bewegt, wenn man keine Absätze trägt. Wie man..." Er brach ab, schüttelte den Kopf. „Egal. Komm."
Sie folgten der Treppe hinunter zum Strand. Das Wasser hatte sich zurückgezogen, hatte ein schier endloses Meer aus Schlick und Sand hinterlassen, durchzogen von Prielen – den Wasserläufen, die auch bei Ebbe blieben, unsichtbare Gefahren für Unwissende.
„Die Regeln kennst du noch?" Lena suchte in ihrem Gedächtnis. „Niemals allein. Immer auf die Gezeiten achten. Den Prielen folgen, nicht queren."
„Gut." Finns Nicken war knapp, aber anerkennend. „Manche Dinge vergisst man nicht."
Sie gingen schweigend nebeneinander her. Ihre Schritte hinterließen Spuren im feuchten Sand, die sich sofort mit Wasser füllten. Die Möwen kreisten über ihnen, ihre Schreie klangen wie Warnungen oder Willkommensgrüße, Lena konnte es nicht unterscheiden.
Der Himmel färbte sich langsam orange und rosa. Die Sonne schob sich über den Horizont, verwandelte die graue Nordsee in flüssiges Gold. Es war so schön, dass es wehtat. „Ich habe dich nicht vergessen." Finns Stimme kam unvermittelt, rau, als hätte er mit sich gerungen, ob er sprechen sollte.
Lena blieb stehen. „Finn..." „Lass mich ausreden." Er sah nicht sie an, sondern das Meer. „Als du gingst, war ich wütend. Verletzt. Ich habe gewartet, dass du zurückkommst. Nach dem ersten Semester. Dann nach dem Studium. Aber du kamst nie." „Du hast auch nie geschrieben."
„Weil ich zu stolz war. Zu dumm." Er lachte bitter. „Und dann, nach ein paar Jahren, schien es sinnlos. Du hattest dein Leben, ich hatte meins. Unterschiedliche Welten."
„Aber?" Jetzt drehte er sich zu ihr um, und der Ausdruck in seinen Augen war nackt, ungeschützt. „Aber als meine Mutter mir sagte, dass du zurück bist, wurde mir klar: Ich habe dich nie aus meinem Kopf bekommen. Zwölf Jahre, Lena. Zwölf verdammte Jahre, und immer noch..." „Immer noch was?"
„Immer noch denke ich an dich, wenn ich nachts allein auf dem Boot bin. Wenn ich einen Sonnenuntergang sehe. Wenn ich durch das Dorf gehe und etwas sehe, das dich zum Lachen gebracht hätte." Er trat näher. „Du bist der Maßstab, an dem ich alle anderen messe. Und alle anderen verlieren."
Lenas Kehle war eng. „Ich war nicht glücklich in Hamburg."
„Das sehe ich." Seine Hand hob sich, als wollte er ihr Gesicht berühren, sank dann wieder. „Du siehst aus, als hättest du vergessen, wie man schläft. Wie man atmet."
„Ich weiß nicht, ob ich mich erinnere." „Dann lass es mich dir zeigen." Sie gingen weiter, tiefer ins Watt hinein. Finn führte sie zu einer Stelle, wo sich Muscheln im Sand sammelten, kleine Schätze, die das Meer preisgegeben hatte.
Er bückte sich, hob etwas auf. Als er seine Hand öffnete, lag darin eine perfekte Herzmuschel. „Dein Glückszeichen", sagte er leise.
Lena erinnerte sich. Als Teenager hatten sie Stunden damit verbracht, nach Herzmuscheln zu suchen. Sie hatte behauptet, sie brächten Glück. Eine Kinderfantasie.
„Behalt sie." Er legte die Muschel in ihre Hand. Ihre Finger berührten sich, und Lena spürte einen elektrischen Schlag durch ihren Körper laufen. Finns Augen wurden dunkel. „Lena..." Ihr Handy klingelte. Der Moment zerbrach wie Glas.
Alexander. Natürlich Alexander. Lenas Hand zitterte, als sie abnahm. „Ja?" „Lena! Endlich!" Alexanders Stimme klang aufgekratzt, zu laut für den frühen Morgen. „Hör zu, ich bin auf dem Weg nach Büsum. Großes Projekt. Du musst dabei sein!" „Alexander, ich habe dir gesagt..." „Es geht um deine Karriere! Ein Resort-Projekt. Premium-Tourismus. Büsum wird völlig transformiert. Die PR braucht jemanden, der die Gegend kennt – dich!"
Lena sah zu Finn hinüber, der ein Stück entfernt stand und so tat, als würde er nicht zuhören. Aber sie sah an der Spannung in seinen Schultern, dass er jedes Wort hörte.
„Ich muss nachdenken." „Worüber? Das ist die Chance deines Lebens! Ich bin morgen da. Hotel am Hafen, 19 Uhr. Sag ja, Lena."
Sie beendete das Gespräch, ohne zu antworten. „Dein Ex." Finns Stimme war neutral, zu neutral. „Ja." „Klingt nach großen Plänen." „Finn, es ist nicht..."
„Ein Resort." Er lachte, aber es klang hohl. „Luxusappartements. Marina. Ich kann es mir vorstellen. Schicke Yachten statt Krabbenkutter. Champagner statt Fischbrötchen. Genau das, was Leute wie er Fortschritt nennen." „Das ist nicht fair!"
„Fair?" Er fuhr herum. „Was ist daran fair, dass Leute wie er kommen und glauben, sie können Orte wie Büsum in ihre Spielwiese verwandeln? Dass sie Fischer wie meinen Vater, der sein ganzes Leben hier ehrliche Arbeit geleistet hat, für veraltet erklären?" „Ich habe nicht zugesagt!"
„Aber du überlegst es." Seine Augen durchbohrten sie. „Ich höre es in deiner Stimme. Die große Karrierechance. Zurück in deine Welt."
„Du kennst meine Welt nicht!" „Nein. Und du kennst meine auch nicht mehr. Nicht wirklich."
Er drehte sich zum Gehen, große Schritte durch den Sand.
„Finn, warte!"
Er blieb stehen, drehte sich aber nicht um. „Die Flut kommt in einer Stunde. Du solltest zurück."
„Nicht so. Bitte nicht so." Jetzt sah er sie an, und in seinem Gesicht lag etwas, das Lena nicht deuten konnte. Schmerz? Resignation? Oder einfach die Müdigkeit von jemandem, der zwölf Jahre auf etwas gewartet hatte, das nie kam? „Wie dann, Lena? Ich kann nicht noch einmal zusehen, wie du gehst. Ich kann nicht..."
Seine Stimme brach. Er schüttelte den Kopf, drehte sich um und ging. Lena blieb zurück im Watt, die Herzmuschel fest in ihrer Hand. Um sie herum begann das Wasser langsam zurückzukehren, füllte die Priele, kroch über den Sand. Die Gezeiten warteten nicht.
Aber worauf wartete sie? Sie sah zur Küste, zum kleinen Büsum mit seinen bunten Häusern und Krabbenkuttern. Dann auf ihr Handy in der Hand, auf Alexanders Nummer auf dem Display. Zwei Welten. Zwei Männer. Zwei Versionen ihrer Zukunft.
Das Wasser kam näher. Zeit zu entscheiden – oder zumindest Zeit, zum Deich zurückzukehren, bevor die Flut sie einholte.
Langsam machte sie sich auf den Rückweg. Die Herzmuschel blieb in ihrer Tasche, ein kleines Gewicht, das schwerer war als es sein sollte.